{"id":100,"date":"2002-06-05T21:20:30","date_gmt":"2002-06-05T19:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=100"},"modified":"2017-08-22T17:23:54","modified_gmt":"2017-08-22T15:23:54","slug":"solange-ich-verletzlich-bleibe-kann-ich-weiterschreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2002\/06\/05\/solange-ich-verletzlich-bleibe-kann-ich-weiterschreiben\/","title":{"rendered":"\u00abSolange ich verletzlich bleibe, kann ich weiterschreiben.\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sie hat eben ihren ersten Roman ver\u00f6ffentlicht, ist aber schon seit f\u00fcnfzehn Jahren im Gesch\u00e4ft. Eine Begegnung mit der Z\u00fcrcher Schriftstellerin Aglaja Veteranyi.<\/strong><\/p>\n<p><em>Vorbemerkung: 05.02.02. Aglaja Veteranyi ist tot. Wenig ist heute zu sagen: Ich bin sehr traurig. Ich habe Aglajya nur wenige Mal getroffen und war bewegt \u00fcber ihre Herzlichkeit, Offenheit und \u2013 ich wage es hier kaum mehr zu schreiben \u2013 Lebensfreude. Das Gespr\u00e4ch mit Aglaja Veteranyi habe ich vor ziemlich genau zwei Jahren f\u00fcr die Monatszeitung \u00abToaster\u00bb gef\u00fchrt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/aglaja2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-102\" src=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/aglaja2.jpg\" alt=\"aglaja2\" width=\"177\" height=\"259\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es ist zwei Uhr Nachmittags. Langsam verebben die Ger\u00e4usche in der Kronenhalle am Z\u00fcrcher Bellevue; die letzten Wagen mit Essen werden zu den G\u00e4sten geschoben; ganze Heerscharen von Kellnern huschen vorbei; am Tisch nebenan w\u00e4hlt der Mann von Welt eine Zigarre; der Rauch steigt auf an den Gem\u00e4lden der alten Meister vorbei zur hohen Decke. Und alles ist ein wenig alt und gelb \u2013 die Patina vergangener Zeiten, als Max Frisch und Friedrich D\u00fcrrenmatt um die Wette schmauchten, hat sich hier festgesetzt. Die Schriftstellerin und Schauspielerin Aglaja Veteranyi liebt diesen Ort, und wer ihr zuh\u00f6rt, merkt, wie sich der Raum verwandelt, sich mit ihren Worten f\u00fcllt, wenn sie \u00fcber ihren ersten Roman \u00abWarum das Kind in der Polenta kocht\u00bb, \u00fcber Tod und Leben und die Leidenschaft des Schreibens spricht.<\/p>\n<p>Im Buch, erschienen diesen Sommer, wird die Geschichte einer Familie erz\u00e4hlt, die aus Rum\u00e4nien in den Westen flieht, dort aber fremd bleibt und auseinanderbricht. Geschildert wird das Leben in der Zirkusmanege, in Hotels, Heimen und billigen Variet\u00e9s aus der Sicht eines Kindes. \u00abIch konnte nur so und nicht anders schreiben. Nur aus der Perspektive des Kindes heraus, war ich f\u00e4hig, all das Grausame, Unmoralische dieser Geschichte zu erz\u00e4hlen.\u00bb Allgegenw\u00e4rtig ist der Tod. Die Mutter h\u00e4ngt in der Kuppel des Zirkus an den Haaren, und um das kleine M\u00e4dchen zu beruhigen erz\u00e4hlt die grosse Schwester die Geschichte vom Kind, das in der Polenta kocht. \u00abViele Leute und auch ein Teil der Medien erwarten vom Buch, dass sie mitgenommen werden in eine nostalgische Zirkuswelt. Wer das Buch liest, wird aber sofort merken, dass das mit der Realit\u00e4t nichts zu tun hat.\u00bb Sterben, Erfahrung der Fremde und Abschied sind die Themen, die Veteranyi in wunderbar pr\u00e4zisen, meist sehr kurzen S\u00e4tzen in Sprache gefasst hat. Bei Lesungen im Ausland lobe man die Leichtigkeit der Form, sagt sie. In Deutschland und der Schweiz begegne man dem knappen Stil mitunter mit Misstrauen. Man sieht den einfachen S\u00e4tze die Arbeit, die darin steckt nicht gleich an.<\/p>\n<p><strong>Ausbruch aus der geistigen \u00d6de <\/strong><br \/>\nIch komme auf die vielen grausamen Szenen im Roman zu sprechen. Im Kinderheim muss aus Strafe das Erbrochene mit aufgegessen werden. Im Variet\u00e9 wird dem M\u00e4dchen, weil es noch zu jung ist, um nackt aufzutreten ein behaartes Dreieck zwischen die Beine geklebt, gleichzeitig aber wacht die Mutter mit Argusaugen \u00fcber dem Kind. F\u00fcr Aglaja Veteranyi ist der gegen die Mutter gerichtete Wunsch \u2013 \u00abMich hat noch nie ein Mann am richtigen Ort ber\u00fchrt. Ich denke an nichts anderes. Ich will von zweien gleichzeitig vergewaltigt werden.\u00bb \u2013 so schockierend er auch t\u00f6nt, etwas Befreiendes. Die Oberfl\u00e4che einer scheinheiligen Welt bekommt Risse. Verdr\u00e4ngtes, wie das Verh\u00e4ltnis des Vaters mit der Schwester kommt zum Vorschein. \u00abWir stehen t\u00e4glich vor der Wahl, Opfer oder T\u00e4ter zu sein\u00bb, zitiert Veteranyi einen Satz von Hilde Domin. \u00abDas M\u00e4dchen, die junge Frau versucht sich aus dem primitiven Verhalten der Familie, die sich immer nur als Opfer der Verh\u00e4ltnisse wahrnimmt und in einer geistigen \u00d6de lebt, auszubrechen.\u00bb In den vielen Deutungen der Geschichte des Kindes, das in der Polenta kocht, wechseln Opfer- und T\u00e4terrolle. Veteranyi betont denn auch das Parabel-, Gleichnishafte nicht nur dieser Geschichte, sondern des ganzen Romans. Soviel die Schriftstellerin auch \u00fcber ihren Roman zu erz\u00e4hlen weiss, die Faszination bleibt ungebrochen, da wird nichts zerredet oder zu Tode erkl\u00e4rt, weil man stets die Pr\u00e4senz und das Engagement dieser Frau hinter dem Text sp\u00fcrt.<br \/>\nIn Diskussionen wird Veteranyi immer wieder mit der Frage nach dem Autobiografischen im Text konfrontiert. \u00abDer Maler Henri Matisse sagte einmal \u2019Genauigkeit ist nicht Wahrheit.\u2019 Der Roman ist nicht meine Lebensgeschichte; ich muss mir beim Schreiben jede Freiheit nehmen und sprachlich so pr\u00e4zis wie m\u00f6glich sein. \u00bb Veteranyi hat sich in den f\u00fcnfzehn Jahren, in denen sie schreibt, immer wieder mit dem Stoff, der nun ihr erstes Buch geworden ist, besch\u00e4ftigt. Der Verlag und die Autorengruppe \u00abNetz\u00bb haben ihr geholfen, die richtige sprachliche Form zu finden. Angst, das nun das Etikett \u00abZirkusroman\u00bb an ihr kleben bleibt, hat sie nicht. Ganz anders werde ihr neues Buch, und Schreiben sei f\u00fcr sie, die vor dem Roman schon eine grosse Zahl von Kurzgeschichten ver\u00f6ffentlicht hat, eine \u2013 mit zunehmend mehr Freude als Qual verbundene \u2013 allt\u00e4gliche Arbeit: \u00abSolange ich verletzlich bleibe, kann ich weiterschreiben.\u00bb<\/p>\n<p><em>Aglaja Veteranyi, Warum das Kind in der Polenta kocht. Roman, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1999, 190 Seiten, sFr. 27.50 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hat eben ihren ersten Roman ver\u00f6ffentlicht, ist aber schon seit f\u00fcnfzehn Jahren im Gesch\u00e4ft. Eine Begegnung mit der Z\u00fcrcher Schriftstellerin Aglaja Veteranyi. Vorbemerkung: 05.02.02. Aglaja Veteranyi ist tot. Wenig ist heute zu sagen: Ich bin sehr traurig. Ich habe Aglajya nur wenige Mal getroffen und war bewegt \u00fcber ihre Herzlichkeit, Offenheit und \u2013 ich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20,56,63,12],"tags":[24,22,26,21,25,23],"class_list":["post-100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-feuilletons","category-journalistik","category-schreibhandwerk","category-texte","tag-aglaja-veteranyi","tag-literatur","tag-rumaenien","tag-schweiz","tag-warum-das-kind-in-der-polenta-kocht","tag-zirkus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":588,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions\/588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}