{"id":158,"date":"1998-06-12T15:20:24","date_gmt":"1998-06-12T13:20:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=158"},"modified":"2015-06-12T15:34:36","modified_gmt":"2015-06-12T13:34:36","slug":"sennechutelli-shit-u-wisswii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/1998\/06\/12\/sennechutelli-shit-u-wisswii\/","title":{"rendered":"Sennechutelli, Shit u. Wisswii"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein hoffnungsvoller Schweizer Jungautor wird eingeladen, die 50. Frankfurter Buchmesse durch seine Lesung zu bereichern. Doch was sich abspielt, ist etwas anders als erwartet.<\/strong><\/p>\n<p>Ich dachte, es w\u00e4r &#8217;ne gute Sache, der freundlichen Einladung meines Verlages zu folgen, mein Buch unter den Arm zu klemmen, in den Zug zu steigen und zur Buchmesse nach Frankfurt zu fahren.<\/p>\n<p>\u00abIch bin auch so ein Autor\u00bb, raune ich meinem Sitznachbarn zu, verschwinde aber bald darauf aufs Klo, um meine Hustenmittel vor den Z\u00f6llnern und Bullen in Sicherheit zu bringen. Die Grenze ist nah, und wegen ein paar T\u00fcten Shit h\u00e4ngenbleiben und den angek\u00fcndigten Auftritt am Gemeinschaftsstand des Buchverleger-Verbandes zu verpassen, das ist nicht mein Ding. Auf dem Klo gehe ich dann doch auf Nummer Sicher und rauche einen ansehnlichen Teil meiner Vorr\u00e4te. Als ich in mein Abteil zur\u00fcckkomme, bin ich ziemlich breit. Halbe-Halbe is n&#8216; fairer Deal, sage ich mir hochdeutsch. Genug f\u00fcr mich \u2013 genug f\u00fcr die Drogenbeschlagnahmungsstatistik. Die Dosis sollte bis heut&#8216; Abend reichen und noch kann ich W\u00f6rter wie Drogenbeschlagnahmungsstatistik fehlerfrei denken. \u00ab Du, gosch au uff Frankfurt?\u00bb frage ich meinen Nachbarn, der auf Swiss-EthnoLook macht. Ich scheine mitten im Rahmenprogramm-Zug gelandet zu sein. Ich erhalte keine Antwort, daf\u00fcr ordert der Typ im Chutteli an der Minibar eine Flasche Weissen. Polytox &#8230; , Polytoxoman, \u2013 auf jeden Fall: Drogen mischen tut selten gut, denkt es, aber Zunge, Mund und der ganze Rest bestellen auch Weissen. \u00abProscht!\u00bb sag&#8216; ich und erhebe mein Glas. \u00abIsch das Rahmeprogramm, wo du dra teilnimmsch i de Halle Siebe? Die s\u00f6ll doch ziemlich n\u00fcechter sii? \u00bb \u2013 \u00ab N\u00fcechter, d&#8216; Halle Siebe? Bisch bsoffe? \u00bb Man h\u00e4lt mich wohl f\u00fcr einen totalen Idioten. Klar, ich habe noch nicht einmal ein ganzes eigenes Buch publiziert, aber fast, und von der Halle Sieben im wunderbaren DDR-Design gibt&#8217;s doch Fotos, die ich gesehen habe &#8230; Ich \u00fcberlass meinem trachternen Nachbarn die Flasche Weissen, \u00abweck mi, wenn mer z&#8216; Frankfurt sind!\u00bb, und schon schlaf ich. Fahrkarte und Pass ausgebreitet, dass mich niemand st\u00f6re in meiner sch\u00f6neren Welt &#8230;<\/p>\n<p>Der Chuttelimensch hat sich davongemacht, ohne mich zu wecken, daf\u00fcr hat er die Flasche mitgenommen. Ich klaub&#8216; meinen Pass aus dem Weissweinsiff. Verdammt die volkst\u00fcmlichen Menschenmassen draussen, sind ja nur f\u00fcr die Animation da. All die Schertenleibs, Rebers, Jennys im schicken Fummel sind fr\u00fcher gefahren, aber da draussen steht er ja, mein Mittrinker. \u00abDu wotsch doch i&#8217;d Halle siebe und bisch jetzt scho schlapp? \u00bb h\u00f6r ich ihn noch sagen, und ich klappe wieder weg, merke im Wegd\u00e4mmern, wie man sich links und rechts von mir einhakt. \u00abDie junge L\u00fct, n\u00fcnt vertr\u00e4get&#8217;s nie &#8230; \u00bb Ich hab drei Stunden Zeit bis zu meiner Lesung, h\u00e4mmert es in mein Hirn. Ihr Lachen ist grausig, schallt zwischen den Zahnl\u00fccken hervor. \u00abIch muess ein vieri i d\u00e4 Halle 4.1 sii &#8230; \u00bb Bis dann werden wir noch ein Gl\u00e4schen trinken, sagt mir ihr emsiger Schritt.<\/p>\n<p>Die Sonne sticht vom Himmel, ich bin schwer, so schwer, mein Kopf gross, rund, ich m\u00f6chte DadaGedichte lallen, Finnegans Wake rezitieren, Glauser zuh\u00f6ren, wie er seine Haschisch- Experimente vorliest, in dieser heilig- n\u00fcchternen Halle Sieben wandeln, diese sch\u00f6nen B\u00fccher in neutralen Umschl\u00e4gen sehen und auf einmal meinen Namen darauf entdecken, statt dessen bin ich nur noch Nase, rieche Bier, B\u00e4tziwasser, Kirsch, K\u00e4seschnitten. \u00abDo, iss die Ch\u00e4sschnitte, Bueb, denn goht&#8217;s der wieder besser\u00bb. Eine Ahnung von R\u00fchrung f\u00fcr meine Besch\u00fctzer umschmeichelt mich, bis sich wieder der saure Weisswein und der Geruch von Erbrochenem mischen. Schweizer K\u00fcche.<\/p>\n<p>\u00abHe, junge Maa, scho ein Morge ein halbi elfi, jo fr\u00fchner &#8230; \u00bb Mit diesen letzten Worten kehrt nicht N\u00fcchternheit ein, aber ein kleiner, sich rasend ausbreitender Gedanke, der zur Erkenntnis wird. Ich habe durchgeknallt wie ich war \u2013 nicht gemerkt, dass ich den falschen Zug genommen habe, den Eurocity Albert Einstein, statt den ICE Seppl Herberger. Als GA-Besitzer weist dich kein Kondukteur darauf hin, dass du auf Abwegen bist. GA-Besitzer sind selbst\u00e4ndig. Kurz: Ich bin nicht in Frankfurt, sondern an der Milch und Landwirtschaftsmesse Olma in St. Gallen. Ein nicht enden wollender Schrei durchdringt die Degustationshalle Sieben, Alk-Leichen werden wach und die Kellnerin giesst Biergl\u00e4ser \u00fcber leicht gew\u00f6lbte M\u00e4nnerschritte.<\/p>\n<p><em>Erschienen in der Monatszeitung \u00abToaster\u00bb, 1998.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein hoffnungsvoller Schweizer Jungautor wird eingeladen, die 50. Frankfurter Buchmesse durch seine Lesung zu bereichern. Doch was sich abspielt, ist etwas anders als erwartet. 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