{"id":185,"date":"2016-12-16T14:44:45","date_gmt":"2016-12-16T13:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=185"},"modified":"2024-08-11T14:29:34","modified_gmt":"2024-08-11T12:29:34","slug":"schreiben-am-jurasuedfuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2016\/12\/16\/schreiben-am-jurasuedfuss\/","title":{"rendered":"Schreiben am Juras\u00fcdfuss"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Spurensuche.<\/strong><\/p>\n<p><em>Kaum eine Schweizer Landschaft ist derart Literatur geworden wie die Gegend zwischen dem Bielersee und der Eisenbahnerstadt Olten. Der Schriftsteller und Verleger Otto F. Walter hat den Begriff \u00abJuras\u00fcdfuss\u00bb, als den Ort einer Literatur vom Rande her, begr\u00fcndet. Schon in seinem Erstling \u00abDer Stumme\u00bb (1959) erfindet er Jammers, einen fiktiven Ort, wirklicher als die Wirklichkeit. Auch Peter Bichsel und Gerhard Meier sind keine Dokumentaristen, ihre Arbeit gilt in erster Linie der Sprache. Aber kann man sie sich anderswo als in Olten, Solothurn oder Niederbipp, diesem \u00abZentrum der Welt\u00bb, wie Meier immer wieder schreibt, vorstellen? Eine \u2013 nicht nur in der Auswahl der Autoren \u2013 h\u00f6chst subjektive Gedankenreise auf Papier von Felix Epper, Schriftsteller und Wahlsolothurner, die vielleicht Lust auf literarische (Wieder)Entdeckungen macht.<\/em><\/p>\n<p><strong>I<\/strong><br \/>\nIn Solothurn kam ich lesend an. Immer lesend. Die Eisenbahnfahrten von Gossau oder Z\u00fcrich nach Genf und zur\u00fcck reichten gut f\u00fcr ein Buch. Fast jede Woche zweimal dem Jura entlang auf der Durchreise den Fl\u00fcssen und langgezogenen Seen \u2013 die f\u00fcr mich etwas Urzeitliches oder Schottisches hatten \u2013 entgegen- und dar\u00fcber hinaussehnend. Vor allem bei sogenannt schlechtem Wetter vernebelte es einem die Sicht: alles m\u00f6gliche Getier konnte sich nun aus den Fluten schl\u00e4ngeln. Aber sanft ronnen die Wassertropfen auf den Scheiben der zweiten Klasse. Ausgestiegen bin ich nie in Solothurn \u2013 jahrelang hielt ich es so. Was sollte ich auch? Meine Liebe war in Genf. Ich wusste: Peter Bichsel stand mit dem Kursbuch in der Hand am Perron 1 des Bahnhofs Solothurn. Es gen\u00fcgte zu wissen: Mit abgewetztem Jackett und wilder M\u00e4hne spielte er den \u00abMann mit dem Ged\u00e4chtnis\u00bb. So erinnere ich mich heute, wie ich mich damals an den Umschlag der \u00abKindergeschichten\u00bb erinnerte, wenn mein Zug in Solothurn hielt. Es soll Leute geben, die aus dem Ausland anreisen, um Bichsel am Stammtisch seiner Lieblingskneipe vor einem Glas Rotwein anzutreffen. Das mag wahr sein.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4lligkeit des Ortes: \u00abHeimat ist hier dasselbe wie bei uns, das ist sch\u00f6n\u00bb, schrieb Bichsel einmal nach einem Besuch an einem Ort irgendwo auf der Welt. Wenn eine Liebe zerbricht \u2013 wie meine Liebe in Genf nach hundert B\u00fcchern und Bahnfahrten zerbrochen ist \u2013 ist man \u00fcberall gleich heimatlos. Besonders schmerzvoll: das Unterwegssein und das Alleinsein unter Menschen. Nur mehr Sackgassen und kein Halt mehr f\u00fcr zwei Minuten in Solothurn. Alles wieder lernen und vielleicht neu ankommen. Vielleicht in Solothurn. Vielleicht in Solothurn bleiben.<\/p>\n<p><strong>II<\/strong><br \/>\nWer ist nicht mit Bichsels Geschichten gross geworden? Ich erinnere mich: Es brauchte zuerst \u00dcberwindung, die Exlibris-Ausgabe der \u00abKindergeschichten\u00bb (1969) in die Hand zu nehmen mit vierzehn. Man war ja kein Kind mehr, glaubte den Titel wortw\u00f6rtlich verstehen zu m\u00fcssen, hatte 50 B\u00e4nde Jules Verne ausgelesen, las nun, was im B\u00fccherschrank der Eltern stand. Vor allem Buchclub-Ausgaben: Nebst Trivialem auch Alfred Andersch oder Patricia Highsmith. G\u00fcnter Grass\u2019 \u00abButt\u00bb und John Steinbecks \u00abEast of Eden\u00bb verst\u00f6rten den Pubertierenden: gl\u00fchende Nadeln durch Brustwarzen gestossen in den kalifornischen Freudenh\u00e4usern. M\u00f6glich, dass sie nicht gl\u00fchend sind bei einer erneutem Lekt\u00fcre, aber noch immer ist dieses Brennen untrennbar mit dem Buch und der Zeit verbunden. \u00abLesen ist subversiv\u00bb, sollte ich sp\u00e4ter bei Bichsel, dem gescheiterten Fussballer nachlesen. Es mache einen untauglich f\u00fcr den Alltag. Er hatte recht.<\/p>\n<p>Die \u00abKindergeschichten\u00bb las ich dann doch. Ich bekam sie zusammen mit Bichsels Erstling, \u00abEigentlich m\u00f6chte Frau Blum den Milchmann kennenlernen\u00bb (1964) vom Vater eines Freundes geschenkt. Jener war Chefredaktor grosser Zeitungen gewesen und deshalb ein verl\u00e4sslicher Ratgeber, was Literatur angeht. Bichsel war kein Kinderbuchautor. Es kam mir auch ein Aufsatz Bichsels in die Finger, der von ersten Lekt\u00fcreerfahrungen berichtete und ich fing wieder Feuer, kramte wie mit acht Jahren auf dem elterlichen Estrich in den schmutziggr\u00fcnen Schachteln mit fingerdickem Staub und fand zum Beispiel die kleine Bibel in Fraktur und eine noch kleinere Weltgeschichte aus dem 19. Jahrhundert. Beide B\u00fccher begannen vor wenigen Tausend Jahren mit Adam und Eva \u00ac\u2013 Gott in seiner Allmacht faltete pers\u00f6nlich die verschiedenen Juraketten und lenkte die Aare in ihre Bahn. Diese Geschichten waren dem Kind, das eben erst die Buchstaben gelernt hatte, genauso wirklich wie die Griechischen Mythen oder die Tafel mit den Fabelwesen aus dem Lexikon, das ich auch noch nach dem tausendsten Male gebannt aufschlug. Angst machte vor allem der Lindwurm, der sich nachts am Brunnen vor dem Tore versteckte. Und ich tr\u00e4umt\u2019 in seinem Schatten gar manchen b\u00f6sen Traum. Ich verbannte den Lindwurm sp\u00e4ter in den Toteissee (auch den fand ich im Lexikon). Schutt lagert sich ab auf einem verlorenem St\u00fcck Gletschereis und immer wieder wird die Weltgeschichte aufgef\u00fchrt, bis das Eis geschmolzen, der Schutt abgesunken und sich der See gebildet hat. Der Burg\u00e4schisee ist ein Toteissee. In Bichsels Geschichten heissen Seen meist Seen und Kneipen Kneipen, der Weissenstein ist der Berg, \u00abAmerika gibt es nicht\u00bb und \u00abEin Tisch ist ein Tisch\u00bb.<\/p>\n<p>Die erste Begegnung mit Bichsel muss fr\u00fcher gewesen sein. Es war in der f\u00fcnften oder sechsten Klasse, als wir \u00abEin Tisch ist ein Tisch\u00bb gelesen haben. Doch zu dieser Zeit schwieg man, wenn Begeisterung aufkam beim Lesen oder Zuh\u00f6ren. Ich war nicht der letzte auf der Bank, wenn die Kapit\u00e4ne die Fussballmannschaften zusammenstellten, und ich wollte es bleiben. Das war Verrat an unserer Lehrerin. Wie konnte man ihr nicht danken f\u00fcr Tetzners \u00abSchwarze Br\u00fcder\u00bb, f\u00fcr Borcherts \u00abK\u00fcchenuhr\u00bb und f\u00fcr Brechts \u00abLegende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration\u00bb?<\/p>\n<p>Als ich die \u00abMilchmann-Geschichten\u00bb gestern wieder las \u2013 viel zu schnell, immer viel zu schnell &#8211; schien sich ein Nebel zu senken, unendliche Traurigkeit bem\u00e4chtigte sich meiner und ich erinnerte mich an die Sonnenstrahlen im Schulzimmer der f\u00fcnften oder sechsten Klasse, wenn Frau Cao mit ihrem wunderbaren b\u00fcndnerisch gef\u00e4rbten Hochdeutsch vorlas. Auch bilde ich mir ein, ich h\u00e4tte Spuren von Tr\u00e4nen in ihrem Gesicht gesehen. Bichsel spricht in einem Aufsatz vom \u00abs\u00fcssen Gift der Buchstaben\u00bb, Lesen ist f\u00fcr ihn eine Droge, Lesef\u00f6rderungsmassnahmen in Schulen seien deshalb h\u00f6chst fragw\u00fcrdig. Er hat Recht. 19 von 20 Sch\u00fclern verstehen kein Wort und einer verliebt sich wegen Brecht oder Bichsel. Das konnte nicht gut kommen.<\/p>\n<p>Es kam nicht gut, und so kommen wir \u00ac\u2013 immer noch im sanktgallischen Gossau \u2013 auf Gerhard Meier, der erst sp\u00e4t, nach Jahrzehnten Arbeit in einer Lampenfabrik, sich Zeit zum Schreiben nehmen konnte. Es war der Titel des Romans \u00abToteninsel\u00bb, der mich auf Meier aufmerksam machte. Die Reproduktion von B\u00f6cklins Gem\u00e4lde an der Wand in Grossvaters Mal- und Zeichenzimmer mochte schlecht sein, ein Kind noch nichts begreifen von Allegorien. Aber man sah: die \u00dcberfahrt im Kahn f\u00fchrte in ein wundersames Dunkel, das nicht nur Nacht und Ende war. In Grossvaters kleinem gelbem Renault war man sicher und im Wald erkl\u00e4rte er uns die Pilze. Reizker und St\u00e4ubling, Maronenr\u00f6hrling und Hallimasch.<\/p>\n<p>Gleich nach dem Abschied von der Primarschule und mit der Pubert\u00e4t gerieten meine Knie aus dem Leim und die verordnete Ruhe wurde mir zur Verdammnis. Einen Sommer lang lag ich still im abgedunkeltem Zimmer \u2013 nat\u00fcrlich muss hier alles K\u00f6rperliche \u00fcbertrieben werden, um nicht 1000 Worte \u00fcber eine verletzte Seele schreiben zu m\u00fcssen. Nichts schmeckte mehr, am wenigsten B\u00fccher. Und die Waldg\u00e4nge zu Grossvaters Pilzen waren auf einmal schal geworden, die \u00abToteninsel\u00bb im Mal- und Zeichenzimmer verblich. Kurz darauf sind auch die \u00d6lfarben auf dem Pult eingetrocknet und die Bleistiftskizzen auf der Leinwand waren fortan nurmehr Schatten einer vergangenen Zeit. Ich hatte Grossvater nicht mehr oft besucht in diesen Tagen und f\u00fchlte mich auf eine Art schuldig an seinem Schlaganfall. Alle Verwandten und Freunde sprachen von einem \u00abSchl\u00e4gli\u00bb. Ich hasste dieses Wort, das Schmerz und Trauer und vor allem den Tod verh\u00f6hnte. Wenn ich an den grossen Niederbipper Schriftsteller Gerhard Meier denke, sehe ich immer meine Grossv\u00e4ter wandern und ich stelle mir mich selbst als alten Mann vor. Wenn ich \u00abOb die Granatb\u00e4ume bl\u00fchen\u00bb (2005)\u2013 Meiers Verm\u00e4chtnis an seine Frau Dorli \u2013 lese, kommt es mir vor, ich kennte ihn schon immer. Es scheint mir dann, es w\u00e4re sogar m\u00f6glich wieder eine Religion zu finden.<\/p>\n<p>Das \u00abSchl\u00e4gli\u00bb l\u00e4hmte meinen Grossvater nur eine K\u00f6rperh\u00e4lfte, sein Verstand w\u00e4re noch da gewesen und ich alt genug f\u00fcr eine Zwiesprache \u00fcber die Lebenskunst. In Gerhard Meiers B\u00fcchern sprechen die Geister, die toten Freunde erinnern die \u00dcberlebenden an die Wortwechsel vor Jahrzehnten, die Kirschb\u00e4ume bl\u00fchen; die Spazierg\u00e4nge von fr\u00fcher werden wieder und wieder abgeschritten, an der Aare, in Gedanken und auf Papier. Prousts, Tolstojs und Robert Walsers Geister wandern mit. Und auf den Wegen am Juras\u00fcdfuss erscheinen im Sonnenlicht immer und immer wieder die Birken aus den russischen Weiten. \u00abDie Welt existiert erst, wenn sie formuliert, in Sprache gefasst, vorliegt\u00bb, schreibt Meier im Roman. \u00abLand der Winde\u00bb (1990).<\/p>\n<p>Robert Walser war um die Jahrhundertwende (1899 bis 1900) \u00fcbrigens auch in Solothurn, als Angestellter der Solothurner Hilfskasse. Die erste Gedenktafel f\u00fcr Walser ist nicht in Berlin, Z\u00fcrich, Bern oder Herisau angebracht worden, wo er weit mehr Furore machte, sondern an der Gurzelngasse 16. F\u00fcr mich ein schwerwiegender Grund, Solothurn zu lieben. Walser liebte abrupte \u00dcberleitungen, und wir m\u00fcssen jetzt \u00fcberleiten, n\u00e4mlich zu Otto F. Walter.<\/p>\n<p>\u00abDie Rache \/ Der Sprache \/ Ist das Gedicht.\u00bb Nat\u00fcrlich ist auch dieses Gedicht von einem \u00abJuras\u00fcdfuss-Autor\u00bb, n\u00e4mlich vom \u00d6sterreicher Ernst Jandl. Jandls skandalumwitterter Lyrikband \u00abLaut und Luise\u00bb erschien 1966 im Walter-Verlag, Olten. Er begr\u00fcndete Jandls Ruhm, f\u00fchrte aber auch zu Otto F. Walters Rauswurf aus dem Verlag, der seinen Namen trug, in dem er als Herausgeber des literarischen Programms aber faktisch keine Macht hatte.<\/p>\n<p><strong>III<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\u00abDie ersten S\u00e4tze eines Buches sind f\u00fcr den, der sie schreibt, vergleichbar mit den ersten Schritten eines Mannes in ein sehr weit sich dehnendes Waldgebiet. [\u2026] auf seinem Gang ins Weglose trifft der Waldg\u00e4nger gelegentlich auf die F\u00e4hrte eines anderen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Otto F. Walter hat nach seinen fr\u00fchen beiden Romanen \u00abDer Stumme\u00bb und \u00abHerr Tourel\u00bb (1962) vor allem als Verleger gewirkt. Er landete 1964 einen Sensationserfolg mit Peter Bichsels \u00abEigentlich m\u00f6chte Frau Blum den Milchmann kennenlernen\u00bb und machte den Walter-Verlag zu einer der ersten Adressen deutschsprachiger Autoren der Moderne (darunter die Schweizer J\u00f6rg Steiner, Kurt Marti und Ludwig Hohl). Er wechselte 1966 nach seinem Rauswurf zum Luchterhand-Verlag. In den 70er-Jahren widmete er sich dann ganz dem Schreiben. 1998 erschien von Martin Zingg ein wunderbares Buch mit Gespr\u00e4chen, \u00abOtto F. Walter \u00fcber die Kunst, die M\u00fche und das Vergn\u00fcgen, B\u00fccher zu machen\u00bb. Vier Jahre nach Otto F. Walters Tod, schrieb Zingg im Vorwort, sei dessen Verlegert\u00e4tigkeit weitgehend vergessen. Walter werde nur noch Schriftsteller wahrgenommen. Nochmals sieben Jahre sp\u00e4ter bl\u00e4ttert man das vollst\u00e4ndige Verlagprogramm des Rowohlt-Verlags durch und findet gerade noch zwei B\u00fccher von Otto F. Walter. Wie sein in schwieriger langer Freundschaft verbundener \u2013 und auch politisch ebenso engagierter \u2013 Widersacher Niklaus Meienberg scheint Walter ein Autor einer vergangenen Epoche geworden zu sein. Wer das Gl\u00fcck hat, Walter wieder zu lesen, findet das unverst\u00e4ndlich. In jedem Werk wird wieder neu mit Sprache experimentiert. (Sehr gewagt in \u00abDie ersten Unruhen\u00bb von 1972, wo Walter versuchte ohne Hauptpersonen auszukommen und einen Roman aus allen m\u00f6glichen Genres von Textensorten montiert.)<\/p>\n<p>Otto F. Walter war ein grosser Vermittler von Literatur; er hat immer wieder diese F\u00e4hrten aufgezeigt, nun ist er selbst ein wieder neu zu entdeckender Waldg\u00e4nger nicht nur als Schriftsteller oder Verleger, sondern auch als Vordenker einer anderen Welt. Schon in den 50er Jahren engagierte er sich (nota bene als einziger Offizier der Schweizer Armee) in der Anti-Atom-Bewegung. Und er war einer der wenigen wirklich politischen Schriftsteller der Schweiz. Seine Romane aus den siebziger Jahren sollten M\u00f6glichkeiten eines anderen Lebens aufzeigen. In der \u00abVerwilderung\u00bb versuchen junge Leute, eine Wohn- und Produktionskooperative als Keimzelle einer befreiten Gesellschaft zu errichten. \u00abDie Verwilderung\u00bb wird \u2013 zusammen mit Rolf Niederhausers dokumentarischen Roman \u00abDas Ende der blossen Vermutung\u00bb \u00fcber die Anf\u00e4nge der Genossenschaft Kreuz Solothurn, der zur selben Zeit herauskam \u2013, vielleicht in einigen Jahren oder Jahrzehnten wieder von jungen Leuten gelesen, die ihre ganz eigenen Ideen und ein neues politisches Engagement daraus ziehen werden.<\/p>\n<p>Walter ist \u2013 ohne dass ich ihn pers\u00f6nlich kennengelernt h\u00e4tte \u2013 eng mit meiner politischen Biographie verkn\u00fcpft, die im Nachhinein betrachtet zwischen den St\u00fchlen verlief. Nach Kaiseraugst und den Jugendunruhen war in den sp\u00e4ten 80er-Jahren eigentlich Entpolitisierung angesagt. Wir damals Engagierten haben das Scheitern der Utopien von Selbstverwaltung und der \u00f6kologischen Bewegung immer schon mitgedacht in unserem Tun. Diese wunderbare romantische Anmassung der Idee, die Armee abzuschaffen! Noch einmal gewaltfreien Widerstand leisten gegen einen sinnlosen Waffenplatz!<\/p>\n<p>Otto F. Walter war einer, der sehr viel sp\u00e4ter als zum Beispiel Max Frisch die Grenzen der M\u00f6glichkeiten der Literatur, politisch Einfluss zu nehmen, gesehen hat. Jedes seiner B\u00fccher ist ein neues Wagnis und einzigartig in Form und Inhalt und widerspiegelt die Zeit. So scheint es folgerichtig, dass Walter nach dem weit ausholenden Gesellschaftsroman \u00abZeit des Fasans\u00bb (1988) in seinem letzten Buch \u00abDie verlorene Geschichte\u00bb (1993) wieder eine ganz neue, vermeintlich einfache Sprache und das einfachste, schwierigste Thema \u00fcberhaupt, die Liebe, findet.<\/p>\n<p>Ebenso ber\u00fchrend wie be\u00e4ngstigend ist \u00abDie verlorene Geschichte\u00bb. Dem Eisenleger Paul \u00abPolo\u00bb Ferro, der am Schluss nur t\u00f6ten kann, wen er liebt, gibt Walter eine Stimme, eine Sprache, nahe am inneren Monolog, verst\u00fcckelt und gewaltt\u00e4tig, atemlos und z\u00e4rtlich. Und wieder wie in fast allen B\u00fcchern Walters spielt diese verlorene Geschichte an der Aare. An der Aare, die zum Mekong wird, der den Juras\u00fcdfuss entlang fliesst. Weil es die Liebe zum M\u00e4dchen Thai ist, die Polo verwandelt, verwandelt und verzaubert sich auch die Welt und wenn es nur f\u00fcr Augenblicke ist\u2026<\/p>\n<p>Erschienen Dezember 2005 in: Leben am Juras\u00fcdfuss, herausgegeben von Daniel Gaberell, gab-Verlag, Bern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Spurensuche. Kaum eine Schweizer Landschaft ist derart Literatur geworden wie die Gegend zwischen dem Bielersee und der Eisenbahnerstadt Olten. Der Schriftsteller und Verleger Otto F. Walter hat den Begriff \u00abJuras\u00fcdfuss\u00bb, als den Ort einer Literatur vom Rande her, begr\u00fcndet. 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