{"id":197,"date":"2006-09-16T20:56:58","date_gmt":"2006-09-16T18:56:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=197"},"modified":"2017-01-18T07:24:31","modified_gmt":"2017-01-18T06:24:31","slug":"man-muesste-sich-einen-hut-zutun-in-solothurn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2006\/09\/16\/man-muesste-sich-einen-hut-zutun-in-solothurn\/","title":{"rendered":"Man m\u00fcsste sich einen Hut zutun in Solothurn"},"content":{"rendered":"<p>Man m\u00fcsste alt sein. Ich erinnerte mich dann, wie auf Solothurns Pflastersteinen Kutschen und Schweinekarren fuhren. Pferde bl\u00e4hten die N\u00fcstern, der Wind wehte dem braven B\u00fcrger den Hut vom Kopf, Robert Walser beugte seinen R\u00fccken in der \u00abSolothurner Hilfskasse\u00bb und malte sch\u00f6ne Zahlen und Buchstaben. Wie Arabesken winden sie sich noch heute in den H\u00e4userschluchten. Man m\u00fcsste alt sein. Ja, man m\u00fcsste sich einen Hut zutun in Solothurn. Zwei Finger der linken Hand legten sich dann unter gleichzeitigem Nicken des Kopfes an die Krempe und der Hut l\u00fcpfte sich zu einer Geste der Freundlichkeit. Eine Geste die mich und die Begr\u00fcssten um so mehr begl\u00fccken w\u00fcrde, als dass sie beil\u00e4ufig sich vollz\u00f6ge, wie ein Zwinkern mit einem Auge oder ein leichtes Heben der Brauen. \u00abDu bist wieder da\u00bb, staunten Braue, die Falten der Stirne und auch die Nase, die ich mitten im Gesicht trage. \u00abGr\u00fcss Gott\u00bb sagte dann mein Hut \u2013 ein zu grosses Wort f\u00fcr den Mund, der doch auch schlingt und mit Z\u00e4hnen bewehrt ist, eine spitze Zunge hat, Ger\u00fcchte verbreitend auf den Gassen der kleinen Stadt. Im Hutgesch\u00e4ft am steilen Weg zur Kathedrale, dessen Bezwingung mich jedes Mal schneller atmen l\u00e4sst, begl\u00fcckw\u00fcnschen mich zwei Damen \u2013 sie sind die H\u00fcterinnen der H\u00fcte gewissermassen \u2013 als ich im grossen \u00dcbermut einen weissen Cowboyhut aufs Haupt setze. Im Spiegelbild sehe ich meinen Grossonkel Hans, der als 19-j\u00e4hriger J\u00fcngling mit Sporen an den Stiefeln einen Ozeandampfer bestieg, um nach Amerika zu reisen. Hans wird in Hollywood Karriere machen, mit Gary Cooper und Ronald Reagan arbeiten und eine ganze Stunt-Dynastie begr\u00fcnden. \u00abOh Boy\u00bb, raunt mir mein Spiegelbild zu. \u00abEr ist wunderh\u00fcbsch, der Hut, aber schon als Kind hatte ich Angst vor Pferden\u00bb, sage ich den beiden Damen und lege den Hut behutsam auf die Auslage zur\u00fcck. \u00abSchlaf weiter, Cowboy\u00bb, singen die italienischen Strohh\u00fcte&#8230; \u00abTr\u00e4um s\u00fcss\u00bb, fl\u00fcstern die Matrosenm\u00fctzen&#8230; Man m\u00fcsste filterlose Gitanes rauchen auf wilder See und in den derben Hafenkneipen soll es Nacht werden. Ich trinke einen steifen Grog im \u00abKreuz\u00bb und wir scheuern die Sitzb\u00e4nke blank. Da bleibt kein Splitter im Holz und die Tr\u00e4nen verschenken wir zum Abschied: Sie fliessen bis ins Meer.<\/p>\n<p><em>Erschienen in: Mensch Solothurn, Januar 2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man m\u00fcsste alt sein. 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