{"id":338,"date":"1995-10-01T08:30:35","date_gmt":"1995-10-01T07:30:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=338"},"modified":"2017-01-22T08:35:29","modified_gmt":"2017-01-22T07:35:29","slug":"buerokratie-des-todes-ohnmacht-der-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/1995\/10\/01\/buerokratie-des-todes-ohnmacht-der-bilder\/","title":{"rendered":"B\u00fcrokratie des Todes, (Ohn)macht der Bilder"},"content":{"rendered":"<p><b><span style=\"font-family: Arial, Helvetica;\">\u00abKeine Ausstellung \u00fcber Kambodscha\u00bb, so der zust\u00e4ndige Kurator Martin Heller, ist im Z\u00fcrcher Museum f\u00fcr Gestaltung zu sehen. Die Fotodokumente aus Tuol Sleng, dem Folterzentrum der Roten Khmer lassen die BetrachterIn mit den Opfern allein. Die Menschen, mit denen man in den engen G\u00e4ngen konfrontiert wird, ermahnen einen daran, zu welchen Grausamkeiten Menschen in diesem Jahrhundert imstande waren und sind. Doch pers\u00f6nliche Betroffenheit kann die politische Analyse nicht ersetzen, wie der Philosoph Hans Saner in einer, die Ausstellung begleitenden Diskussion ausf\u00fchrte. Neben Saner, Heller und dem Fotographen Daniel Schwartz kam das Publikum ausf\u00fchrlich zu Wort. Nicht alle waren sich einig dar\u00fcber, ob es sinnvoll sei, die Bilder (in dieser Form) zu zeigen.\u00a0<\/span><\/b><br \/>\n<P><br \/>\nVom alles beherrschenden Schatten der Vergangenheit \u00fcber Kambodschas Gegenwart zeugen nicht nur die 10&#8217;000&#8217;000 Landminen, die weiterhin Tausende von Menschen verst\u00fcmmeln. Der Fotograf Daniel Schwartz, der das Land immer wieder besuchte, schlug in seinem Referat einen Bogen von ersten europ\u00e4ischen Engagement &#8211; 1863 vereinnahmte Frankreich Kampuchea in seine Kolonie Indochina &#8211; \u00fcber die 500&#8217;000 Opfer der amerikanischen Geheim-Bombenangriffe in Kambodscha w\u00e4hrend des Vietnam-Krieges, hin zur Schreckensherrschaft der Khmer Rouge. Dias aus der &#8222;Nachkriegszeit&#8220; illustrierten seine Worte. Zynisch &#8211; oder muss man von Galgenhumor reden? &#8211; kommentierte er ein Bild, das Dutzende von amerikanischen Bombenkratern zeigte, die heute als Fischteiche dienen. Die US-Angriffe wurden u.a. unter den Codeworten &#8222;Breakfast&#8220; oder &#8222;Lunch&#8220; geflogen &#8230;<br \/>\nDie Geschichte der Roten Khmer, die eine Umgestaltung der Gesellschaft sondergleichen und eine Schreckensherrschaft im blutigsten Sinn des Wortes praktizierten, ist in ihren groben Z\u00fcgen bekannt. In weniger als vier Jahren starben eine Million Menschen (es gibt Sch\u00e4tzungen, die viel h\u00f6her reichen); viele an Hunger, Unterern\u00e4hrung und falsch behandelten Krankheiten, denn Pol Pot lehnte die westliche Medizin ab. Besser war die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst, die das &#8218;Steinzeitkommunismus&#8216;-Regime bis zum Schluss &#8211; und dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctzte. Als 1979 die Terrorherrschaft mit Hilfe Vietnams endlich beendet wurde, verweigerte die UNO unter Druck der USA und Chinas die Anerkennung der neuen Regierung. Die UN bestanden auch darauf, dass die Khmer Rouge in den Friedensprozess, der in den Wahlen von 1993 gipfelte, einbezogen wurde. An den Wahlen, die eine Koalition aller Parteien an die Macht brachten, beteiligten sich die Roten Khmer aber nicht; inzwischen beherrschen sie wieder einen F\u00fcnftel des Landes, organisieren den illegalen Export von Tropenh\u00f6lzern und Edelsteinen ins Ausland und sind &#8211; trotz dem Genozid der 70er Jahre f\u00fcr viele KambodschanerInnen die einzige relevante politische Kraft. Die DorfbewohnerInnen haben mehr Angst vor den offiziellen Truppen, denen unterbezahlt kaum etwas anderes \u00fcbrigbeliebt, als zu pl\u00fcndern, als vor den Khmer Rouge. (1)<br \/>\nNach dem Abzug der UNO, die nur zwei der vier gesteckten Ziele erreichte, (von einer Befriedung der Konfliktparteien und der Entminung kann keine Rede sein), n\u00e4mlich die Repatrierung der Fl\u00fcchtlinge und die Abhaltung &#8222;freier Wahlen&#8220;, herrscht im Land Unsicherheit und Angst. Die Regierung isz handlungsunf\u00e4hig, die UNO-Mission brachte Prostitution, Drogenhandel und eine v\u00f6llige Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Finanzhilfen. Der B\u00fcrgerkrieg geht schleichend weiter, die Entminung des Landes w\u00fcrde 160 Jahre dauern &#8211; und laufend werden neue Minen in die Erde vergraben; Opfer sind oft Kinder, die mit den B\u00fcffel das Land pfl\u00fcgen. Die Seelenf\u00e4nger gehen um, wie Schwartz berichtete. Sie versprechen den Leuten, dass die verst\u00fcmmelten Gliedmassen wieder nachwachsen. Die Religion ist Zuflucht f\u00fcr viele, die Karmalehre rechtfertigt aber auch die Grausamkeiten und den Terror, der allgegenw\u00e4rtig ist. Kann man von einem spezifisch &#8222;kambodschanischen Grauen&#8220; (2) sprechen, wie das David Chandler im Ausstellungskatalog tut?<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b>Pol Pots &#8222;Schule&#8220;<\/b><\/span><br \/>\nSaloth Sar, ehemaliger Lehrer und Generalsekret\u00e4r der kommunistischen Zeit in &#8222;vorrevolution\u00e4rer Zeit&#8220;, besser bekannt unter dem Namen Pol Pot, verordnete seinem Land nach einem f\u00fcnf Jahre dauernden B\u00fcrgerkrieg 1976 einen Vierjahresplan, der die landwirtschaftliche Produktion verdreifachen, mit den Erl\u00f6sen des Exports die Industrialisierung vorantreiben sollte. Ohne Werkzeuge, Anleitung oder Vieh, mussten zwei Millionen halbverhungerte StadtbewohnerInnen dieses Wunder vollbringen.<br \/>\nDie Zentrale gab Befehle und verlangte die Einhaltung des Planes. Die lokalen Funktion\u00e4re f\u00e4lschten aus Angst die Berichte. Trotz der schlechten Ernte mussten die Quoten, die f\u00fcr die Haptstadt aufgestellt wurden, erf\u00fcllt werden. Wenn die &#8222;\u00dcbersch\u00fcsse&#8220; ins Zentrum geschafft wurden, hiess das nichts anderes, als dass die Nahrung, die eigentlich f\u00fcr die jeweilige Region gedacht war, von dort verschwand. Tausend Hungerten, und als wenn die Nachricht von ihrem Tod das Zentrum erreichte, wurden Hunderte von Funktion\u00e4ren mit der Anschuldigung verhaftet, sie h\u00e4tten den Plan sabotiert.<br \/>\nAls klar wurde, dass die Ziele nie erreicht werden w\u00fcrden, fielen mehr und mehr Funktion\u00e4re, aber auch einfache Bauern unter den Verdacht der &#8222;Sabotage&#8220;. Viele der Opfer geh\u00f6rten zum engsten Kreis der Bewegung. Von den &#8222;killing field&#8220;, den Exekutionsfeldern, existieren keine schriftlichen Zeugnisse mehr; 1979 grub man die sterblichen \u00dcberreste von Abertausenden wieder aus.<br \/>\nM\u00e4nner und Frauen, denen schwere Verbrechen angelastet wurden, brachte man vom Land in das geheime Gef\u00e4ngis S-21 in Tuol Sleng. Der Verwalter, ein ehemaliger Lehrer organisierte die B\u00fcrokratie des Todes genauso &#8222;gewissenhaft&#8220; wie er fr\u00fcher seine Schulklassen. Alle neu Eintreffenden in der zum Folterzentrum umfunktionierten Volksschule wurden mit Nummern versehen und fotografiert, um sie dann systematisch zu auszul\u00f6schen. (3) Es waren keine Schauprozesse, wie unter dem Stalininsmus oder &#8222;Umerziehungen&#8220; wie in Maos China oder in Vietnam; die Folterungen verliefen geheim, Ziel war die k\u00f6rperliche Vernichtung; Angeh\u00f6rige und Kinder der Angeklagten wurden wie selbstverst\u00e4ndlich der gleichen Tortur unterzogen. Diese Fotos, aus denen das Entsetzen die BetrachterIn unmittelbar anspringt, sind als ein einzigartiges Zeugnis erhalten geblieben.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b>Sind das gute Bilder?<\/b><\/span><br \/>\nIm Besonderen sind es die Bilder der Kinder, die einen hilflos machen. 120 der 6000 Fotos sind in engen, weiss gestrichenen G\u00e4ngen in der Galerie des Museums f\u00fcr Gestaltung ausgestellt; Auge in Auge sieht man sich gegen\u00fcber. Was mir im Kopf ablief, l\u00e4sst sich nicht ordnen, oder rational darlegen. Alle m\u00fcssen sich dieser Erfahrung selbst stellen. Ob man sich selbst als Henker oder Fotograf f\u00fchlt, an welchen Genozid dieses Jahrhunderts man denkt, die Ausstellung l\u00e4sst es offen. &#8222;Es sei keine Ausstellung \u00fcber Kambodscha&#8220; sagte Martin Heller in der Diskussion. F\u00fcr mich war der Besuch aber Anstoss und Wunsch, mich vertiefter mit der Geschichte dieses Landes zu befassen, einer Geschichte, die gerade in der Linken kaum pr\u00e4sent ist.<\/p>\n<p>Zu einer weitergehenden Auseinandersetzung stellt das Museum f\u00fcr Gestaltung ausser dem Katalog wenig schriftliche Informationen zur Verf\u00fcgung. Es werden auch keine F\u00fchrungen organisert. Umso wichtiger war die bereits oben angesprochene \u00f6ffentliche Diskussion. Diese befasste sich, mit Ausnahme der einleitenden Worte von Daniel Schwartz aber weniger mit der konkreten Geschichte. Im Zentrum standen ethische und \u00e4sthetische Fragen. D\u00fcrfen diese Bilder \u00fcberhaupt gezeigt werden. Und wenn ja, in welchem Rahmen? Hans Saner bejahte die erste Frage unbedingt. &#8222;Diese Bilder sind die einzige Art und Weise, das Gedenken an die Opfer wach zu halten.&#8220; Die Fotographen h\u00e4tten nicht eine \u00c4sthetik des Terrors im Sinne gehabt, sodern eine Dokumentation. &#8222;Diese Bilder verharmlosen nicht, sie sind das Werk von B\u00fcrokraten, aber das Unerkl\u00e4rliche ist: Es sind gute Bilder, die ihresgleichen in der Dokumentar-Fotografie nicht haben.&#8220; Martin Heller las Passagen eines Briefes vor, dessen Verfasser sich emp\u00f6rte, dass die Qualit\u00e4t der Bilder ein Kriterium der Ausstellung sei. Und eine Zuh\u00f6rerin doppelte nach: &#8222;Wie schlecht h\u00e4tten die Fotos sein m\u00fcssen, dass man sie nicht gezeigt h\u00e4tte?&#8220; Heller konnte keine Antwort geben. Er sei froh, dass nicht er die Auswahl hatte treffen m\u00fcssen; er hat die Auswahl der beiden Fotografen Riley und Niven, die das Archiv in Tuol Sleng sichteten, \u00fcbernommen. Und schon die Aufgabe, die Bilder nach \u00e4sthetischen Kriterien zu ordnen sei sei eigentlich unl\u00f6sbar.<\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Kunst als Widerstand und Anpassung<\/span><\/b><\/p>\n<p>Alle Fotografen wurden im Laufe der Zeit selbst Opfer von Folterungen. So erkl\u00e4rt sich vielleicht die Qualit\u00e4t der Bilder. Ein Wunsch, m\u00f6glichst genau zu dokumentieren, weil einem sont nichts bleibt. Saner schlug einen Bogen zum Nationalsozialismus. In Theresienstadt wurden regelm\u00e4ssig Operetten aufgef\u00fchrt; f\u00fcr viele der Insassen war die Kunst eine \u00dcberlebensnotwendigkeit. Das d\u00fcrfe man nicht vergleichen, kam der Einwand einer Zuh\u00f6rerin. &#8222;Kunst ist nicht immer nur Widerstand&#8220;, antwortete Saner, die Auff\u00fchrungen wurden vom KZ-Kommandanten befohlen. Eine fand anl\u00e4sslich einer Rot Kreuz-Visite statt. Man steckte die DarstellerInnen in schwarze Kleider, gab ihnen bessere Essen; nur gute Schuhe liessen sich nicht auftreiben. So wurde eine Br\u00fcstung errichtet, welche die F\u00fcsse, die in Holzschuhen steckten, verbragen. &#8222;Genausowenig ist die Kunst der Fotographen in Tuol Sleng nur Kollaboration mit dem Regime.&#8220;<br \/>\nEin Zuh\u00f6rer, der das Museum in Kambodscha selbst besucht hatte, f\u00fchlte sich durch die Art, wie die Bilder in Z\u00fcrich ausgestellt wurden, verletzt. Die Menschen seien aus ihrer Biographie herausgerissen worden. &#8222;Es gibt unz\u00e4hlige Dokumente, die man h\u00e4tte ber\u00fccksichtigen sollen, um den Menschen eine andere Identit\u00e4t als die des Opfers zu geben.&#8220; Hier trafen die unterschiedlichen Auffassungen in aller Sch\u00e4rfe aufeinander. Sollen die Bilder ein Symbol dieses Jahrhunderts sein, wie es die Ausstellung will, oder geht es um m\u00f6glichst exakte Aufkl\u00e4rung der (historischen) Umst\u00e4nde. Ob das Museum f\u00fcr Gestaltung diese Arbeit \u00fcberhaupt leisten k\u00f6nnte, ist eine andere Frage. Ich w\u00fcnschte mir mehr zus\u00e4tzliche Informationen. Denn, wie Hans Saner richtig bemerkte: &#8222;Die Solidarit\u00e4t, das Gedenken an die Opfer ist wichtig, genauso wichtig ist das politische Bewusstsein.&#8220;<br \/>\n<i>Felix Epper<\/i><\/p>\n<p>Ausstellung bis 14. Januar 1996 im Museum f\u00fcr Gestaltung in Z\u00fcrich zu sehen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien 1995 in der Wochenzeitung \u00abvorw\u00e4rts.<\/em><\/p>\n<p>Fussnoten:<\/p>\n<p>(1) Dies best\u00e4tigt auch der Bericht des UN-Generalsekret\u00e4rs f\u00fcr Menschenrechtsfragen in Kambodscha, Kirby. Vgl. Le Monde Diplomatique, Februar 1995, S. 13<br \/>\n(2) &#8222;Facing Death&#8220;, Photographers International Nr. 19 (1995), zusammen mit einer Deutschen \u00dcbersetzung<br \/>\n(3) \u00dcber den &#8222;Alltag&#8220; in S-21 gibt die Einleitung zu &#8222;Facing Death&#8220; einen ersten Eindruck. So schrecklich diese Dokumente sind, m\u00fcssen sie doch gelesen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abKeine Ausstellung \u00fcber Kambodscha\u00bb, so der zust\u00e4ndige Kurator Martin Heller, ist im Z\u00fcrcher Museum f\u00fcr Gestaltung zu sehen. Die Fotodokumente aus Tuol Sleng, dem Folterzentrum der Roten Khmer lassen die BetrachterIn mit den Opfern allein. 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