{"id":42,"date":"1998-06-09T19:44:57","date_gmt":"1998-06-09T17:44:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=42"},"modified":"2017-01-18T07:25:01","modified_gmt":"2017-01-18T06:25:01","slug":"wienacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/1998\/06\/09\/wienacht\/","title":{"rendered":"Wienacht"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_43\" aria-describedby=\"caption-attachment-43\" style=\"width: 185px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/schnee33.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/schnee33.jpg\" alt=\"1956\" width=\"185\" height=\"202\" class=\"size-full wp-image-43\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-43\" class=\"wp-caption-text\">1956<\/figcaption><\/figure>\n<p>\nDer Schriftsteller war zu fr\u00fchem Ruhm gekommen und verk\u00fcmmerte nun durch die Jahre. Man stelle sich die mittleren Jahrzehnte eines Jahrhunderts vor: Da sa\u00df es sich noch an schweren, h\u00f6lzernen Tischen. \u00dcber Schnee schrieb er nur, wenn&#8217;s schneite, und wenn die Zeitungsredaktoren etwas von ihm einforderten, dann eine Geschichte mit Gem\u00fct. Am besten eine Weihnachtsgeschichte. Der Schriftsteller hatte kein Gem\u00fct, dachte an Bruder und Mutter \u2013 die in die Anstalt gekommen oder einen Strick sich um den Hals gelegt \u2013 und suchte dann auf dem Papier den Weg nach Wienacht Tobel. Im Appenzellischen soll&#8217;s dieses Wienacht geben, dessen H\u00e4nge man sommers wie winters begehen konnte. Der Schriftsteller war niemals da gewesen, vermutete aber auch im Sommer ewigen Schnee. Wie in der W\u00fcste, so ist es auch dort in der Nacht bitter kalt, und wo\u2019s nur H\u00e4nge gibt, da herrscht die w\u00fcstene ewige Nacht des Eises. Der Schriftsteller lie\u00df nun seinen Jesus in die W\u00fcste zur\u00fcckgehen, wo er geboren worden war. Es war hei\u00df und kalt, und auch der Teufel war einst aus einem Scho\u00df gekrochen und des Versuchens eigentlich m\u00fcde. So froren und schwitzten sie zusammen: Jesus und der Teufel. Liefen in den W\u00fcstensandsturm, der sie wie Schneetreiben umgab, und tats\u00e4chlich ging in Wienacht roter Schnee nieder, den die L\u00fcfte aus Nordafrika hergetragen hatten. Roter Saharasand, Worte wie diese strich sich der Schriftsteller in seinem Tagblatt an; war es heute gewesen oder vor Tagen, Jahren? Wienacht schien ihm schon eine Geschichte in einem Wort. Lieber Herr Verleger, frage ich Sie h\u00f6flichst an, ob Sie sich mit dem sch\u00f6nsten aller Ortsnamen \u2013 wenigstens zu diesem Zwecke \u2013 zufriedengeben k\u00f6nnten. Ich begehre auch nicht, der Erfinder zu sein. Man m\u00f6ge mich auch nur f\u00fcr den Wei\u00dfraum bezahlen: Eine solche Seite stelle ich mir h\u00fcbsch vor. Denken Sie nun nicht, dieses Wei\u00df sei billig erkauft, geradezu ergaunert! Nur schon diese Leere fertig zu denken \u2013 \u2013 \u2013 aber wie Sie sehen, finde ich mitten im Satz zu ihrer \u2013 trotz alledem \u2013 gesch\u00e4tzten abschl\u00e4gigen Antwort, der ich nat\u00fcrlich wie einem Befehl Folge leiste. Ich freue mich dar\u00fcber, da\u00df Sie mich anspornen, diese Leere zu f\u00fcllen, auf da\u00df sie dann den Lesern aufs Trefflichste munde. Aber ist nicht jeder andere Christbaumschmuck als Schnee eine S\u00fcnde? Und nicht ein Automobil etwa gerade in der Weihnachtszeit ein Verbrechen? Nun, darum stelle ich mir Wienacht so einsam, so waldverloren wie m\u00f6glich vor. Heftigste rote Sahara-Schneef\u00e4lle schneiden das Dorf von der Au\u00dfenwelt \u2013 dem Leben selbst \u2013 ab. Die Menschen \u2013 \u2013 \u2013  vereisen. Zwischen ihren ausgebreiteten Fingern bilden sich gefrorene Schwimmh\u00e4ute. Haare und hoffentlich B\u00e4rte werden zu wilden B\u00fcschen. Wienacht eine einzige W\u00fcste. Ein rotes Wei\u00df, ein wei\u00dfes Rot. Schneeblumen wie um Dornr\u00f6schens Schlo\u00df. Rote wei\u00dfe Rosen, Eiszapfen spitz wie Dornen, die Wasserf\u00e4lle vereist, die Herzen frisch wie nie zuvor. \u2013 \u2013 \u2013 Der Schriftsteller w\u00fcnschte sich zuweilen einen Ofen ins Zimmer, um die Finger geschmeidiger halten zu k\u00f6nnen. Denn warm und satt, das m\u00fcssen die Finger sein, wenn sie \u00fcber Weihnachten schreiben, die Geschichte flie\u00dft dann f\u00f6rmlich aus den Fingerspitzen heraus: Soviel B\u00fcrgerlichkeit, G\u00fcte, Liebe und Essen an einem Tag! Der Schriftsteller soll, so spukt es mir heute morgen, seine Geschichten auch nach dem Verstummen im Jahre 1933 nicht nur weiter im Kopfe herumgetragen, sondern immer noch auf kleinen Papierstreifen notiert haben\u2026 <\/p>\n<p><em>Robert Walser starb am Weihnachtstag 1956 \u2013 also vor vierzig Jahren \u2013 auf einer Anh\u00f6he ob Herisau.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schriftsteller war zu fr\u00fchem Ruhm gekommen und verk\u00fcmmerte nun durch die Jahre. Man stelle sich die mittleren Jahrzehnte eines Jahrhunderts vor: Da sa\u00df es sich noch an schweren, h\u00f6lzernen Tischen. \u00dcber Schnee schrieb er nur, wenn&#8217;s schneite, und wenn die Zeitungsredaktoren etwas von ihm einforderten, dann eine Geschichte mit Gem\u00fct. 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