{"id":726,"date":"2019-09-05T07:21:53","date_gmt":"2019-09-05T05:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=726"},"modified":"2020-07-16T16:25:19","modified_gmt":"2020-07-16T14:25:19","slug":"eine-langeweile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2019\/09\/05\/eine-langeweile\/","title":{"rendered":"Eine Langeweile"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201cDo you think that one could treat his paintings like novels?\u201d<br \/>\nVirginia Woolf \u00fcber Walter Richard Sickert<\/p><\/blockquote>\n<p>Kunstausstellungen \u00fcberforderten Damian, machten ihn immer schwindelig. Er wurde wortkarg, unleidig, gar aggressiv. Am besten war es, sie allein zu besuchen. Auch mit Kino und Theater verhielt es sich so. Nichts war schlimmer als Smalltalk unter Strassenlampen. \u00abWir erwachen aus unseren ureigenen Tr\u00e4umen\u00bb, hatte Damian einmal gesagt. \u00abWie k\u00f6nnten wir denn wirklich dar\u00fcber reden.\u00bb Damian war aber heute nicht allein. Er sagte, er habe sich lange gefragt, warum ihn dieses <em>eine <\/em>Gem\u00e4lde in der Tate Modern noch immer so sehr besch\u00e4ftige. \u00abErstaunlich, dass es uns \u00fcberhaupt aufgefallen ist\u00bb, meinte Esther. Diese dichte H\u00e4ngung der Bilder war nicht nur eine \u00dcberforderung des Kunstfreundes. Es sei nachgerade eine Beleidigung jedes dieser einzelnen Genies. Van Gogh, Rothko und eben auch Sickert. Damian schwieg und sie verstanden sich. Beide hatten sie die Geduld aufgebracht still vor dem Gem\u00e4lde, das die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg nicht zuletzt im Titel so unglaublich treffend darstellte: L\u2019Ennui. Die Langeweile.<\/p>\n<p>Ennui c.1914 Walter Richard Sickert\u00a0[<a href=\"https:\/\/www.tate.org.uk\/art\/research-publications\/camden-town-group\/walter-richard-sickert-ennui-r1133434\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a><a href=\"https:\/\/www.tate.org.uk\/art\/research-publications\/camden-town-group\/walter-richard-sickert-ennui-r1133434\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> zur Tate Modern inkl. gr\u00f6sserer Abbildung des Kunstwerks<\/a><a href=\"https:\/\/www.tate.org.uk\/art\/research-publications\/camden-town-group\/walter-richard-sickert-ennui-r1133434\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">]<\/a><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"150\"><a href=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N03846_10-1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-730 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N03846_10-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\u00abIbsens Gespenster spuken hier\u00bb, referierte Esther. \u00abUnd Virginia Woolf\u2026\u00bb \u2014 \u00abSei still.\u00bb Hier war sie wieder. Die Ermattung. Damian blinzelte in die Sonne. Er hatte nicht an Woolf gedacht. Er k\u00fcmmerte sich nicht um Esthers Seminare in vergleichender Literaturwissenschaft. Sagte er jetzt Julien Green, w\u00fcrde sie ihn auslachen. Er w\u00fcrde wieder verloren haben. Sein ahistorisches freies Assoziieren. Er versuchte bei seiner Erinnerung zu bleiben. Er w\u00fcrde zu Esther sagen: Der Leser von Greens Romanen will immer wieder die Fenster aufreissen, l\u00fcften, Durchzug erzeugen. Green wurde kurz vor dem Tod von der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung in dessen Pariser Wohnung besucht. Man druckte damals nur die Anzeigen farbig. Die grob gerasterten Bilder waren schwarz-weiss. Doch Damian wusste: Die Vorh\u00e4nge mussten dunkelrot sein, blutrot wie die samtene Ummantelung eines Sarges. Green lebte fast ein Jahrhundert lang. Ich habe ihn 1988 entdeckt. Heute kennen ihn nicht einmal mehr die Schwulen. Geschweige denn konvertierte Katholiken.<\/p>\n<p>\u00abWenn du nicht lesend durch Balzac, Maupassant und Proust spaziert bist, kannst du Green nicht wirklich verstehen. Ich meine. Das ist nur meine bescheidene Meinung. Jetzt bleib doch stehen! Wir sprechen miteinander! Du! Die Asche sei kalt, schreibt Virgina Woolf. Wie kann sie das um Himmels Willen so genau wissen?\u00bb<\/p>\n<p>Damian wischte sich den Schweiss von der Stirn. Endlich allein. Er hatte London satt. So wartete er am Bahnhof Montparnasse in Paris auf den Zug. Und schrieb:<\/p>\n<p><strong>Perrots Zigarre<\/strong><\/p>\n<p>Wann hatte Monsieur Perrot das fliehende Kinn des Dienstm\u00e4dchens zu hassen begonnen? War es unl\u00e4ngst zu Weihnachten in dieser Stube gewesen oder einmal zu Ostern im letzten Jahrtausend? Gedanken schwirrten in der sommerlich dumpfen Stubenluft wie l\u00e4stige Fliegen. Vergeblich blies Perrot, diese Stattlichkeit vor dem Herrgott, Rauchringe gegen den bleiernen \u00dcberdruss. Zu allem Ungl\u00fcck waren die Zigarren seit Jahrzehnten von der billigen Sorte. Teppiche, Vorh\u00e4nge, Spitzendeckchen und auch die papierenen Blumen stanken muffig, abgestanden. Auch Sch\u00f6sschen und H\u00e4ubchen der Cl\u00e9mentine. Einer dieser Sonntage und Madame war noch nicht vom Kirchgang zur\u00fcck. Cl\u00e9mentine geh\u00f6rte zum Inventar wie das kleine Grabh\u00fcgel-Imitat des Br\u00fcderchens William auf der Kommode (gestorben im zarten Alter von 11 Jahren). Manchmal zerdr\u00fcckte die gute Seele ein Tr\u00e4nchen im Augenwinkel. Wahrlich, es gibt bessere Orte als diese Stube voller Gobelins, Deckchen, Aschenbecher Nippes und Ennui. Monsieurs Hand streifte wie eine Zuf\u00e4lligkeit \u00fcber die Schlaufe der Sch\u00fcrze am R\u00fccken des leider schon \u00e4ltlichen und fliehenden M\u00e4dchens. Ein Seufzer, und der Rock hob sich wie von selbst. Danach z\u00fcndete Perrot die erkaltete Zigarre mit einem weiteren Streichholz wieder an. Die 3 cm lange Aschenschlange zerst\u00e4ubte er, als Madame in die Stube eintrat. Wie immer entbrannte dann der Streit, ob zu l\u00fcften sei oder nicht. Madame Perrot nahm einen Hauch von Parfum wahr. \u201eKeine Herrenbesuche, Cl\u00e9mentine\u201c, lachte sie und legte das Kirchengesangsbuch auf den Stubentisch. Das Lesezeichen stak noch wie ein Messer auf Seite 315: \u201eK\u00fcndet den Verzagten: Seid stark.\u201c \u2014 Pfarrer Colbert habe sch\u00f6n dazu gepredigt, w\u00fcrde Madame jetzt sagen und eine Orange sch\u00e4len. Spitzige Finger, ein wenig \u201evergichtet\u201c.\u00a0 Auch ein schon tausend Mal geh\u00f6rtes Wort. Sie genoss die einschiessende S\u00e4ure in die kleine Wunde am Ringfinger. \u201eCl\u00e9mentine!\u201c, rief sie. \u201eWie steht es um die Suppe?\u201c<\/p>\n<p>Felix Epper, 2019<br \/>\nErschienen im Solothurner Kulturmagazin Sorock Nr. 6\/2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDo you think that one could treat his paintings like novels?\u201d Virginia Woolf \u00fcber Walter Richard Sickert Kunstausstellungen \u00fcberforderten Damian, machten ihn immer schwindelig. Er wurde wortkarg, unleidig, gar aggressiv. Am besten war es, sie allein zu besuchen. Auch mit Kino und Theater verhielt es sich so. 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