{"id":886,"date":"2023-02-14T07:51:11","date_gmt":"2023-02-14T06:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=886"},"modified":"2023-03-10T10:37:48","modified_gmt":"2023-03-10T09:37:48","slug":"ein-meister-der-buchstabenakrobatik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2023\/02\/14\/ein-meister-der-buchstabenakrobatik\/","title":{"rendered":"\u00abEin Meister der Buchstabenakrobatik\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Felix Epper, Tr\u00e4ger des Solothurner Fachpreises f\u00fcr Literatur 2019, legt ein B\u00e4ndchen mit Anagrammen vor. <\/strong><\/p>\n<p>Thomas Brunnschweiler \/ Solothurner Zeitung, 14.03.2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Felix Epper erkl\u00e4rt: \u00abAnagramme sind Buchstabenspiele, Versetzungsr\u00e4tsel und Worterfindungsmaschinen. Anagramme sind aber auch ein Zwangsmittel.\u00bb Nicht umsonst heisst das luftige, aber nicht leichtgewichtige B\u00fcchlein von Epper \u00abNachtwind, gezuernt \u2013 Dichten unter Zwang\u00bb. Anagrammisten tragen formale Daumenschrauben und haben in jeder Zeile stets nur dieselben Buchstaben wie im sogenannten Programma zur Verf\u00fcgung. Aber dies ist die Herausforderung, die zu H\u00f6chstleistungen anspornt. Bei Epper t\u00f6nt das dann so: \u00abEs huera Chrut, e \/ u huerestarche \/ Raucherhueste!\u00bb. Selbst das \u00abgezuernt\u00bb im Buchtitel ist kein Zufall. Es ist eine Hommage an die Schriftstellerin Unica Zuern, die in der Zeit des Surrealismus musterg\u00fcltige Anagramme schrieb. Auch der Name von Oskar Pastior f\u00e4llt mehrmals, der die Anagrammliteratur um viele Perlen bereichert hat.<\/p>\n<p>Aufs Anagramm kam Epper 2005. In einem Wettbewerb des Festivals Science et cit\u00e9 waren die W\u00f6rter \u00abGewissen, Gehirn, Roesti\u00bb vorgegeben: 19 Buchstaben, die Felix Epper \u00abzu einem Moment Stammtischprosa\u00bb formte. Sein \u00abR\u00f6st hin Gewissen, Gier!\u00bb war einer der f\u00fcnf preisgekr\u00f6nten Texte des Festivals. Von da an war die Lust am Anagrammieren geweckt. Epper verfasste zu Wettbewerben oder Anl\u00e4ssen Gelegenheitsanagramme. Was seine Besonderheit ausmacht, ist sein extrem freier Umgang mit Sprachmaterial. Man sollte seine Anagramme laut vorlesen. Da er Hochdeutsch, verschiedene Mundarten und Fremdsprachen mixt, bleibt die Sterilit\u00e4t jener Anagramme aus, die mitHilfe eines Anagrammgenerators im Internet verfasst wurden. Damit erschliesst er sich einen sprachlichen Raum f\u00fcr konsistente und plausible Texte. In seinen Mundart-Anagrammen von 2007 wird dies deutlich, wo es heisst: \u00abW\u00f6nigli \/\/ Woni geil \/ Wie n Goli \/ Wo gli nie \/ Oni Wegli \/ In Wile go \/ Gin, Wi, \u00d6l \/ Ge wil oni \/ W\u00f6nigli.\u00bb Schnell zu lesen ist dieses charmante, geniale Sprachjuwel. Am Schluss des typografisch k\u00f6stlich gestalteten B\u00fcchleins steht ein Palindrom, ein Gedicht, das von vorne wie hinten denselben Text ergibt. \u00abMondnah\u00bb ist gleichzeitig Formgedicht und verstr\u00f6mt einen Hauch Nietzsche\u2019scher Ewigkeitssehnsucht.<\/p>\n<p><strong>Eine lange, spannende Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl man immer wieder lesen kann, Lykophron aus Chalkis (320\u2013280 v.Chr.) sei der Vater des Anagramms, hat bereits Platon in seinem Dialog \u00abKratylos\u00bb das Anagramm (H)era \u2013 a\u00e9r (Hera \u2013 Luft) als Beispiel seiner sprachphilosophischen \u00dcberlegungen benutzt. Der Barock war nicht nur ein emblematisches, sondern auch ein anagrammatisches Zeitalter. Auf Teufel komm raus wurden hier F\u00fcrstennamen und religi\u00f6se Texte auf anagrammatische Geheimkammern abgeklopft. Es ist die Welt hinter den W\u00f6rtern, welche die Menschen immer faszinierte. Enigmatisch, fast unheimlich erscheint uns das folgende lateinische Anagramm, das zugleich ein Palindrom ist: \u00abIn girum imus nocte \/ et consumimur igni\u00bb (Im Kreise geh\u2019n wir nachts \/ und werden vom Feuer verzehrt).<\/p>\n<p>Felix Epper \u00abNachtwind, ge\u00adzuernt \/ Dichten unter Zwang\u00bb Edition la meuth, Bischofszell 2020 32. S. ISBN 978-3-033-07539-9 Fr. 19.\u2013 bei www.felu.ch . Max Christian Graeff (Hsgr.): Die Welt hinter den W\u00f6rtern, Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2004, 240 S., Fr. 36.50.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/2020_03_14_AZ-Medien_Nachtwind-1.pdf\">Ein Meister der Buchstabenakrobatik \u2013 Artikel als pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Felix Epper, Tr\u00e4ger des Solothurner Fachpreises f\u00fcr Literatur 2019, legt ein B\u00e4ndchen mit Anagrammen vor. Thomas Brunnschweiler \/ Solothurner Zeitung, 14.03.2020 &nbsp; Felix Epper erkl\u00e4rt: \u00abAnagramme sind Buchstabenspiele, Versetzungsr\u00e4tsel und Worterfindungsmaschinen. Anagramme sind aber auch ein Zwangsmittel.\u00bb Nicht umsonst heisst das luftige, aber nicht leichtgewichtige B\u00fcchlein von Epper \u00abNachtwind, gezuernt \u2013 Dichten unter Zwang\u00bb. 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