{"id":959,"date":"2011-05-06T22:05:00","date_gmt":"2011-05-06T20:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=460"},"modified":"2011-05-06T22:05:00","modified_gmt":"2011-05-06T20:05:00","slug":"gebrochen-frhlich-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/2011\/05\/06\/gebrochen-frhlich-2\/","title":{"rendered":"Gebrochen fr\u00f6hlich"},"content":{"rendered":"<p><i>Text zum 70. Geburtstag Bob Dylans, erschienen in der \u00abMusikzeitung Loop\u00bb, Z\u00fcrich Mai 2011<\/i><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"\" src=\"https:\/\/static.twoday.net\/Epper\/images\/covershot.jpg\" alt=\"covershot\" width=\"147\" height=\"189\" \/><br \/>\nAls meine Mutter im Sterben lag, fuhr ich jeden dritten Tag oder so am Morgen stundenlang Zug Richtung Osten und am Abend denselben Weg wieder zur\u00fcck. Auf der Intensivstation des Spitals nahm ich jedes Mal stumm Abschied. Nur eine Frage der Zeit, bis die Nacht hereinbricht. Und nie wusste ich, ob sie noch verstehen konnte, was ich sagte\u2026 Ich h\u00f6rte damals viel Radio auf meinen Wegen. Dylans \u201cTheme Time Radio Hour\u201d schien mir der richtige Trost: Nicht Ablenkung, sondern Tiefe. Dylan spielte seine meist obskuren Schallplatten und erz\u00e4hlte kurze Geschichten \u00fcber die Bibel, das Rauchen, Schuhe, Amerika, das Zugfahren \u2013 das Trinken. Am liebsten ist mir auch jetzt noch die Show \u00fcber das Trinken (u. a. mit herzergreifenden Liedern von Charles Aznavour und Mary Gauthier). Mama w\u00fcsste wieso. Inmitten der Lieder eine mit allen Wassern und W\u00e4sserchen gewaschene Stimme, ebenso fr\u00f6hlich wie gebrochen, ebenso alt wie jung, die nur zu mir zu sprechen schien. Eine Anmassung, die ich mir gerne und unter Tr\u00e4nen erlaubte.<br \/>\nAus \u201cChronicles\u201d und Martin Scorseses Film \u201cNo Direction Home\u201d wissen wir, wie wichtig das Radio f\u00fcr den jungen Bob Dylan gewesen ist, der die Musik, die er h\u00f6rte, wie ein Schwamm aufgesogen hat. Nat\u00fcrlich hat es eine h\u00f6chst ironische Note, dass uns Dylan mit seinen durchchoreographierten Radioshows eine vergangene Welt und Produktionstechnik vorgaukelt. Doch die Trauer \u00fcber den Verlust einer wohl auch nur vorgestellten Urspr\u00fcnglichkeit und Authentizit\u00e4t ist ein steter, leiser Unterton. War es aber mit seinen eigenen Songs je anders, die er 2001 in einem wunderbaren Sp\u00e4twerk ganz offiziell unter das Motto \u201cLove And Theft\u201d, Liebe und Diebstahl, gestellt hat? Dylan ist ein K\u00fcnstler, der durch keine kritische Analyse entzaubert werden kann, weil sein Werk von Anfang an als Synthese gedacht war. Ausser wir fragen den Mann auf der Strasse, welcher anstelle einer Antwort die Lippen hochziehen und n\u00e4selnd \u201cThe answer my friend is blowing in the wind\u201d singen wird. Honni soit qui mal y pense.<br \/>\nAllen noch nicht hartgesottenen Dylanh\u00f6rern empfehle ich meine momentane Lieblingsplatte, die \u201cTell Ol&#8216; Bill Sessions\u201d (Bootleg, 2005), auf der die Genese eines Songs \u2013 und was f\u00fcr ein Song! \u2013 wunderbar mitverfolgt werden kann und bei deren H\u00f6ren ich mir immer w\u00fcnsche, nicht nur schreiben, sondern auch spielen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Felix Epper, April 2011<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.loopzeitung.ch\/\">Homepage Musikzeitung Loop<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text zum 70. 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