{"id":999,"date":"1998-03-01T08:42:49","date_gmt":"1998-03-01T07:42:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/?p=999"},"modified":"2020-09-25T08:51:18","modified_gmt":"2020-09-25T06:51:18","slug":"den-kopf-aufs-pflaster-schlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/1998\/03\/01\/den-kopf-aufs-pflaster-schlagen\/","title":{"rendered":"Den Kopf aufs Pflaster schlagen"},"content":{"rendered":"<p><b><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\">Hundert Jahre Brecht und regelm\u00e4ssig volles Haus bei Benno Bessons Inszenierung von \u00abDie heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe\u00bb. Wie geht man um in Z\u00fcrich mit diesem marxistischen St\u00fcck um Armut und Ausbeutung, Widerstand und der Nutzbarmachunng einer Revolution\u00e4rin zur Bes\u00e4nftigung der Massen?<\/span><\/b><\/p>\n<blockquote><p><i>\u00abAls ich \u2039Das Kapital\u203a von Marx las, verstand ich meine St\u00fccke.\u00bb<\/i><br \/>\n<i>B.B. 1928.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_1000\" aria-describedby=\"caption-attachment-1000\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Neue-Schauspiel-AG-Zuerich-Gerd-Leo-Kuck-Charlotte-Staehelin-Programmheft-Bertolt-Brecht-DIE-HEILIGE-JOHANNA-DER-SCHLACHTHOeFE-Premiere-28-Februar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1000\" src=\"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Neue-Schauspiel-AG-Zuerich-Gerd-Leo-Kuck-Charlotte-Staehelin-Programmheft-Bertolt-Brecht-DIE-HEILIGE-JOHANNA-DER-SCHLACHTHOeFE-Premiere-28-Februar-172x300.jpg\" alt=\"\u00abEs hilf nur Gewalt wo Gewalt herrscht\u00bb\" width=\"258\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Neue-Schauspiel-AG-Zuerich-Gerd-Leo-Kuck-Charlotte-Staehelin-Programmheft-Bertolt-Brecht-DIE-HEILIGE-JOHANNA-DER-SCHLACHTHOeFE-Premiere-28-Februar-172x300.jpg 172w, https:\/\/www.felu.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Neue-Schauspiel-AG-Zuerich-Gerd-Leo-Kuck-Charlotte-Staehelin-Programmheft-Bertolt-Brecht-DIE-HEILIGE-JOHANNA-DER-SCHLACHTHOeFE-Premiere-28-Februar.jpg 573w\" sizes=\"auto, (max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1000\" class=\"wp-caption-text\">Programmheft Bertolt Brecht DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTH\u00d6FE Premiere 28. Februar 1998<\/figcaption><\/figure>\n<p>Brecht schrieb \u2013 unterst\u00fctzt von seinen \u00abMitarbeitern\u00bb, u.a. Elisabeth Hauptmann \u2013 die \u00abJohanna\u00bb in den Jahren 1929\/30. Die Erfahrung des Crashs in New York veranlasste Brecht, Studien an den B\u00f6rsen Berlins und Wiens zu betreiben. Anders als die vorangegangenen Arbeiten, etwa die \u00abJasager\u00bb oder die \u00abMassnahme\u00bb ist die \u00abHeilige Johanna kein abstraktes Lehrst\u00fcck. Aber nat\u00fcrlich ist eine Menge von Brechts Marxlekt\u00fcre auch in diesem St\u00fcck aufgegangen. Die Geschichte der Heilsarmistin Johanna Dark, die der \u00abArmen Armut\u00bb kennenlernt und sich zur proletarischen Agiatorin wandelt und des Fleischk\u00f6nigs Mauler mit den \u00abzwei Seelen in seiner Brust\u00bb verbl\u00fcfft auch heute noch. Keine widerspruchsfreie Welt, und keine einfache Wahrheit zeigt uns Brecht. Die Figur des Mauler wird in ihrer ganzen Dialektik von Profitgier und Mitgef\u00fchl \u2013 das eine gibt&#8217;s nicht ohne das andere \u2013 in aller Pracht enfaltet. Die an Goethe und Schiller angelehnte Sprache \u00fcberzeugt durch ihren Witz und entstellt die Figuren bis zur Kenntlichkeit. Verhandelt werden menschliche Schicksale \u2013 die aber beispielhaft f\u00fcr ein Allgemeines stehen. \u00abDie heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe\u00bb fand in Deutschland \u2013 wen verwundert\u2019s \u2013 keinen guten Boden. Nach einer einmaligen Sendung einer H\u00f6rspielfassung im Berliner Rundfunk dauerte es 30 Jahre bis zur ersten B\u00fchneauff\u00fchrung. In den letzten Jahren der Weimarer Republik prallten die gesellschaftlichen und politischen Gegens\u00e4tze auch in der Kulturwelt mit aller Wucht aufeinander. In Erfurt etwa unterbrach die Polizei eine Auff\u00fchrung der \u00abMassnahme\u00bb und machte dem Veranstalter einen Hochverratsprozess. Noch haben die Faschisten die Macht nicht ergriffen, doch der Kampf wird schon auf offener Strasse ausgetragen. Denoch erstaunt \u2013 und ersch\u00fcttert \u2013 die Gewaltt\u00e4tigkeit in Brechts Theater dieser Zeit noch immer. Wie in der umstrittenen \u00abMassnahme\u00bb, wo ein junger Genosse wegen seiner Unf\u00e4higkeit \u2013 er liess sich von Mitgef\u00fchl leiten, statt im Sinne der Partei zu handeln \u2013 schliesslich in seine eigene Hinrichtung einwilligt, wird in der \u00abHeiligen Johanna der Schlachth\u00f6fe\u00bb an die Zuschauenden der Aufruf gerichtet, daf\u00fcr zu sorgen, \u00abdass ihr, die Welt verlassend \/ Nicht nur gut wart, sondern verlasst \/ Eine gute Welt.\u00bb Und Johanna sp\u00e4ter: \u00abDarum wer unten sagt, dass es einen Gott gibt \/ Und kann sein unsichtbar und h\u00fclfe ihnen doch \/ Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen \/ Bis er verrreckt ist.\u00bb Wie geht man heute mit solcher \u00abMoral\u00bb um? Ignorieren? Diffamieren? Das Schauspielhaus Z\u00fcrich engagiert den ehemaligen Brechtmitarbeiter Benno Besson und Z\u00fcrich hat sein Theaterereignis.<\/p>\n<p>Wie aktuell Brechts St\u00fccke und gerade \u00abDie heilige Johanna\u00bb in den Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, Megafusionen und Globalisierung heute doch seien, s\u00e4uselt es durch den b\u00fcrgerlichen Bl\u00e4tterwald. Doch die Arbeitslosen stauen sich nicht in den Strassen, das Ungl\u00fcck kommt immer noch scheinbar wie der Regen und heisst freie Marktwirtschaft; niemand schl\u00e4gt die VeranstalterInnen der Esoterik-Messer \u00abLebenskraft\u00bb mit dem Kopf auf das Pflaster, und die Bildungsb\u00fcrgerInnen gehen ins Theater. Nat\u00fcrlich betreiben die Medien mit ihrer Berichterstattung vornehmlich Standortmarketing: Z\u00fcrich die Kulturstadt. Und mit der Inszenierung Benno Bessons l\u00e4sst sich geschickt der Bogen zur grossen Zeit des Schauspielhauses in den vierziger Jahren, auf die man heute so stolz ist, schlagen. Nach der Premiere kann das Feuilleton dann m\u00e4kelen, das St\u00fcck sei zu schnell, zu marionettenhaft gespielt worden, oder beklagt gar wie die NZZ, man wisse am Ende nicht mehr, als man zu Beginn des Abends schon gewusst habe: \u00abMetzger bleibt Metzger.\u00bb (Was w\u00e4re es denn, was sie Neues h\u00e4tten wissen wollten&#8230;?)<\/p>\n<p>Die Bank Leu w\u00fcnscht den TheaterbesucherInnen im Schauspielhaus-Magazin \u00abk\u00f6nigliche Unterhaltung\u00bb; schl\u00e4gt man die Zeitung auf, so prangen in grossen Lettern Johannas Schlussworte \u00abEs hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind!\u00bb Den unmittelbar vorangehenden Satz mit dem Schlagen der K\u00f6pfe aufs Plaster mochte man nicht zitieren. In der Inszenierung f\u00e4llt er nat\u00fcrlich. Beil\u00e4ufig, wie eigentlich alles Reden in diesen zweieinhalb Stunden, verfremdet, gebrochen alle Figuren, die Arbeiterf\u00fchrer mutlos, als w\u00fcssten sie schon von Scheitern des realsozialistischen Experimentes, Johannas Wortschwall der Emp\u00f6rung oft gerade noch gut f\u00fcr einen Lacher \u2013 Katharina Thalbach als Johanna und Samuel Fintzi als Pierpont Mauler erhalten am Ende langanhaltenden warmen Applaus \u2013 und immer die Gewissheit vermittelnd, wie wenig engagiertes Theater heute vermag. Alles Gr\u00fcnde, sich die \u00abHeilige Johanna\u00bb nicht anzusehen? Eine m\u00fcssige Frage f\u00fcr politisch Interessierte und Engagierte!<\/p>\n<p>Erschienen im M\u00e4rz 1998 in der Wochenzeitung \u00abvorw\u00e4rts\u00bb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hundert Jahre Brecht und regelm\u00e4ssig volles Haus bei Benno Bessons Inszenierung von \u00abDie heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe\u00bb. 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